KRĂ„UTERKASTEN BĂśRGERTREFF KLEINKUNST

 Buschiaden

Ein Wilhelm-Busch-Abend im Kräuterkasten 12. 5. 2017

Auf besondere Weise präsentierten die Schauspieler Markus Maria Winkler und Jürgen Wegscheider Wilhelm Busch am Freitag im Kräuterkasten.

Rote Jacke und blaue Weste der eine, blaue Jacke und rote Weste der andere, dunkle Mützen für beide, zwei die zusammen gehören und sich doch unterscheiden, die sich aneinander messen, streiten, harmonieren. Wie passend für die menschlichen und tierischen Figuren bei Wilhelm Busch, die einmal Sieger bleiben, wie der Igel gegen den Fuchs „bewaffnet, doch ein Friedensheld“ oder scheitern wie der Frosch gegen den Finken „so irrt sich der“.

Es wird eine bunte Wilhelm-Busch-Mischung aus bekannten und weniger oft gehörten Gedichten, Aphorismen, Erzählungen, Bildergeschichten. Erzählungen, die makaber sind, wenn der Schlittschuhläufer in „Der harte Winter“ wörtlich den Kopf verliert und am Ende kopflos und glücklich weiter lebt. Die an Märchen erinnern, wenn „Hänschen Däumeling“ auf seiner Irrfahrt im Magen eines Hechtes landet, dort aber von seiner Mutter gefunden wird, die aus eben diesem Hecht ein Essen zubereiten will. Es sind Gedichte, die fröhlich Selbstkritik üben, „ein ganz famoses Haus“ oder fast elegisch Abschied nehmen „nehme meinen Hut“. Sie beobachten genau die Boshaftigkeiten, Schwächen und Stärken der Menschen. Den drei alten Tanten steht die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben bei der Wahl des Geschenkes für Paulinchen.

Denn Winkler und Wegscheider rezitieren nicht nur, sie spielen die Texte. Reglos verharren sie, während der Pfannkuchen beim Wenden endlos in den Lüften schwebt. Anzüglich lüftet Wegscheider die Mütze seines fast haarlosen Partners „Wenn Lügen Haare wären..“, genüsslich zerstampft Winkler „Die Fliege“ die er endlich gefangen hat. Die Rollen sind gut verteilt. Das zeigt sich schon bei „Maus und Molli“, einer Mädchengeschichte in sieben Streichen, die Wilhelm Mayer nach dem Vorbild von Wilhelm Busch geschrieben hat. Winkler muht als Kuh und schleckt ungestüm die Wand ab, dann quakt er richtig nervig als Ente, Wegscheider verkörpert die spießigen Menschen. Als Krönung folgt später dann das Original „Max und Moritz“, ein Augen-und Ohrenschmaus. Winkler lässt die Hühner krähen und jammervoll enden, Wegscheider heult als Witwe Bolte und verwandelt sich dann blitzschnell in den kläffenden Spitz. Wenn er als Lehrer Lämpel doziert, fühlt man sich wie auf der Schulbank. Kleinigkeiten zeigen, wie alles genau geplant ist. Max und Moritz sägen so lange, bis der Steg tatsächlich durch ist. Mühsam ziehen sie das letzte Huhn hoch. Winkler als Onkel Fritz schläft nach dem Maikäferabenteuer so tief und schnarchend, dass ihn sein Partner richtig wecken muss, damit endlich der nächste Streich angesagt werden kann.

Das begeisterte Publikum verlangt am Ende nach Zugaben, so schließen die Künstler mit dem Vogel, der auf dem Leim sitzt. „Der Vogel, scheint mir, hat Humor“. Nicht nur dieser Vogel, nicht nur Busch sondern auch Markus Maria Winkler und Jürgen Wegscheider.

 Ute Büttner

 

Lilly unter den Linden

Das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten am 5. 5. 2017

 Mit „Lilly unter den Linden“ von Anne C. Voorhoeve führte das Theater unter der Laterne am Freitag das Publikum im Kräuterkasten zurück in das geteilte Deutschland.

Leben in der DDR, ein privates Schicksal in Jena zwischen 1972 und 1988, geprägt von den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Die früh verwaiste Rita, die von ihrer Schwester Lena aufgezogen wird, fast eine Mutter-Tochter Beziehung mit Trotz, Strenge, Liebe. Lena, die einen klaren, kritischen Blick auf die äußeren Verhältnisse hat. Ihr Mann Rolf, der versucht, das Beste aus der Lage zu machen. Die Tochter Katrin, die regimegetreu aufbegehrt. Rita, die sich nicht wohl fühlt, die sucht nach der richtigen Lebensweise. Die zunächst eigentlich bloß wissen will, wie es im Westen so aussieht, schließlich den Westdeutschen Jochen in Ungarn trifft und mit ihm nach Hamburg flieht, eine Tochter bekommt, sich nach Jochens Tod mit dem Franzosen Pascal verbindet. Ritas Tochter Lilly, die in Hamburg aufwächst, als Kind schon den Tod der Mutter verkraften muss und jetzt wie damals Rita auf der Suche ist. Bei Ritas Beerdigung sieht sie erstmals ihre Tante Lena und will zu ihr in den Osten.

Man fühlt sich in die damalige Zeit zurück versetzt, durch die Schauspieler, die in verschiedene Rollen schlüpfen und immer authentisch wirken, durch charakteristische Einzelheiten. Joachim Mangold schwenkt als Rolf begeistert einen ergatterten Schinken. Barbara Wydra präsentiert als Lena triumphierend einen selbst gebackenen Kuchen, erklärt mit fester Stimme, was getan werden muss. Vanessa Litke rennt als Katrin trotzig aus dem Zimmer und wird als Jugendamtbeauftragte ganz amtlich. Gabriele Gatzweiler liegt als Rita schwach im Hospital, schreit als kleine Schwester Lena an, will doch wenigsten einmal ein Tagesvisum für Westberlin, streitet und schmust mit Tochter Lilly, begleitet sie fürsorglich nach ihrem Tod. Die junge Luca-Linea Preuß sucht als Lilly mit großen Augen und eindringlicher Stimme nach Hilfe bei den Erwachsenen oder erklärt entspannt und locker, wie viel einfacher doch das Leben in Hamburg ist. Christoph Holbein schaut als Pascal fassungslos und oft hilflos auf die Konflikte. Dann lärmt er als Freund Bernd und verleiht mit pathetischem Sächsisch dem Abschnittsbevollmächtigten Komik. Doch hier zeigen sich die dunklen Seiten des Lebens in der DDR. Wenn man sich bei Lena zur Lektüre trifft „Was, du hast einen Artikel aus dem Spiegel?!“, wenn Freund Bernd plötzlich für den Staat arbeitet, kann man ihm noch trauen? Man meidet ihn, aber man ist auch auf seine Hilfe angewiesen. Und er hilft zwar, macht aber seine Überlegenheit deutlich. Ja, Lena braucht ihn. Sie hat ihrer Schwester bei der Flucht geholfen, musste dafür ins Gefängnis, verliert ihre Stelle als Lehrerin. Und sie bittet Bernd nochmals um Hilfe, als Lilly in der DDR bleiben will. Der Weg von West nach Ost ist fast so schwierig wie der Weg von Ost nach West.

Rita und Lilly als Wanderer zwischen zwei Welten. Die Geschichte sorgt mit dem Mauerfall 1989 für ein Happy End. Die Gäste im Kräuterkasten müssen zwar sehr aufmerksam das Geschehen verfolgen, es ist keine leichte Kost, aber sie genießen diesen Theaterabend, der zum Erinnern und Vergleichen und Weiterdenken anregt.

 Ute Büttner

 

 Ledig in Schwaben 8. 3. 2017 im Schloss in Lautlingen von Sabine Miller

Ob die no oiner freie dät?

Dietlinde Elwssässer fragt nach Alternativen zum schwäbischen Ehemann

Ledig in Schwaben und dass „Frau“ damit gut leben kann, das bringt Dietlinde Ellssässer in ihrem Soloprogramm zwerchfellstrapazierend an den Mann.

Die Schauspielerin, Komödiantin und Lindenhof-Mitbegründerin hat am Weltfrauentag einen kabarettistischen Leckerbissen präsentiert. Viele Frauen und einige Männer füllten die Stuhlreihen und klatschten mit, als Dietlinde Ellssässer im Hinguckerlook – geblümtes Hängerkleid, knallrote Bluse, ebensolche Stiefeletten, Band im Haar – zu „Ein Festival der Liebe“ in den Musiksaal hineintanzte.

„Oh, ein Mann!“ ruft sie entzückt und spricht ihre Entdeckung auf einem der vorderen Plätze ohne Umschweife an: Hend Se mitmiesa? Wo gheret Se denn na? Der Angesprochene, nicht auf den Mund gefallen, entgegnet :“Zur ganzen Reihe“. Grosses Gelächter. Von diesem Moment an haben Dietlinde Ellssässer und ihr verbales Spiel mit den Geschlechtern freie Fahrt.

Ledig ohne Mann oder erledigt mit Mann?“ das ist die Frage ihres Mundart-Kabaretts. Die bekennende Ledige erntet für die urkomische Aufklärungskampagne über die Vorzüge dieses Dasein-Zustands Lachtränen. Mit pfiffigen Pointen, kokettem Wimpern-Geklimper und trockenem Witz preist sie die Vorzüge des unberingten Lenbens an- mit dem die Ablehnung von Beziehung und Familie nicht unbedingt gleichzusetzen ist, aber gerne Hand in Hand geht:“ Wenn Fraua sich fraget Wer bin ich? Was will ich? Na hend se meischdens scho vier Kender.“

Der Neigung von Frauen, sich ihrerseits um die Gunst der Männer zu bemühen, steht sie kritisch gegenüber. „Tiermanna balzet von sich aus.“ Die Traumexemplare aus Film und Fernsehen sind auch nicht ihr Ding: An den Leinwandhelden ihrer Jugend lässt sie kein gutes Haar. Selbst die innigste Phantasie-Romanze mit dem edlen Häuptlingssohn Winnetou geht unter ihren schlagkräftigen Argumenten in die Brüche. Old Shatter-hand alias Lex Barker? Jonny Weissmüller als Tarzan? Beide kriegen ihr Fett ab. Schließlich trage jeder Mann den Tarzanschrei in sich, stellt Dietlinde Ellssässer fest. Entsprechende Aufforderungen, einer der männlichen Zuschauer solle dies doch demonstrieren, verhallen jedoch ungehört.

An ehesten, resümiert Dietlinde Ellssässer, käme für sie Sean Connery, der erste James Bond, in Frage. Denn: der rette die ganze Welt undf gehe dann heim zum Kuscheln. „lass amol an Schwob abends vom Schaffa komma!“, teilt sie einen kecken Seitenhieb auf die hiesige Männerwelt aus.

Was Sie nicht daran hindert, sich drei Vertreter derselben aus dem Publikum für den Höhepunkt des Programms auf die Bühne zu holen: in Lautlingen endet die Kurzversion der Flirtshow „Herzblatt“ mit einem Kniefall des Gewinners.

Ellsässer beeindruckt das nicht: „Au wenn di als Ledige no oiner freie dät, ob di des freie dät?“ gibt sie den Frauen mit auf den Heimweg.

 

„Futschikato“

 Tina Häussermann im Kräuterkasten am 10. 2. 2017

 Wie man mit ärgerlichen Alltagssituationen fertig wird, das erklärte am Freitag Tina Häussermann den Gästen im Kräuterkasten.

Es gibt so vieles, worüber man wütend werden kann. Tina Häussermann empfiehlt, diese Wut heraus zu lassen, je nach Schwere des Falles. Sie übt mit dem Publikum das ein, vom einfachen „ooh“ bis hin zum Anschreien des Wutverursachers, und bald beherrschen alle dieses 4-Stufen- Wutprogramm so gut, dass sich unter ihrem Dirigat ein Wutchor formiert.

Grund für Wutausbrüche liefern das eigene Heim, die Familie, das Fernsehen, Fußgängerzonen in Großstädten, alt-und neumodische Vorlieben der Gesellschaft. Da sind Gäste, die unbedingt helfen wollen und doch bloß nerven, quengelnde Kinder, wegen denen man nochmals zum Supermarkt muss, Porschebesitzer, die sich über einen kleinen Kratzer am Auto aufregen, Comedians, die mit höchst primitiven Mitteln Erfolge erzielen, Funktionskleidung für Sport und Bergtouren, die nicht funktioniert, sondern stinkt, Übermütter, die auf dem Spielplatz ihre Weisheiten von sich geben. Aber auch früher war nicht alles besser, lässt sich nicht auf heute übertragen. Märchen passen nicht mehr. Hänsel und Gretel hätten heute ein Handy, würden sich nicht mehr im Wald verirren, Rotkäppchens Großmutter würde im Pflegeheim leben, Wölfe würden sich vegan ernähren, Prinzessinnen, die nichts können außer hübsch sein, würde man zu Heidi Klum schicken. Oder diese salbungsvolle Sinnsprüche! „Lebe deinen Traum“, würde das jeder befolgen, gäbe es keine Müllmänner mehr.

Ihre Betrachtungen unterstreicht Tina Häussermann meisterhaft mit Gesang, Klavier, Panflöte und Ukulele. Renate Herbrechtinger, die sich der fernöstlichen Kampfkunst verschrieben hat gegen Kinder und Mann und Nachbars Sohn Udo samt Judo, benützt die Ukulele wie ein Samuraischwert. Die Panflöte gibt vor den Kaufhäusern ihr Leiern auf und versucht sich ungeschickt tutend an Liedern wie „Tulpen aus Amsterdam“. Das Klavier beteiligt sich am Streit der Ehepartner. Hart und penetrant klingt die Männerstimme im Bass, schrill und wuselig darüber die Frau in den hohen Tönen. Kurz treffen sich dann beide sanglich und friedlich in der Mitte, es beginnt aber nochmals zu brodeln, schließlich findet der Streit ein harmonisches Ende. Unbeschwert lustig klingt die Idee, den eigenen Mann als Postpaket zu verschicken, bei „My sanifair lady“ wird Tina Häussermann zum Musicalstar. Als Operndiva erweist erweist sie sich schließlich, wenn Carmen über bunten Liebesflügeln ihren Text zeitgerecht anpasst.

Das Publikum solle gefälligst ihr einen schönen Abend bereiten, fordert Tina Häussermann am Anfang und konstatiert am Schluss „Mir hat's gefallen“. Nun, mit Gelächter und Beifall zeigt das begeisterte Publikum, dass Tina Häussermann auch ihm einen wunderschönen Abend bereitet hat. Uns allen hat's auch ganz prima gefallen.

 Ute Büttner

 

 „Tach Herr Knabenschuh. Wie war's?“

Uwe Kleibrink im Kräuterkasten

Wie komisch und abstrus der Alltag sein kann, das zeigte am Samstag Uwe Kleibrink im Kräuterkasten.

Dabei geht es ihm nicht um schrille, billige Effekte, wie sie heute oft im Fernsehen vorgeführt werden, wenn etwa die fünfundzwanzig lustigsten Karnickelschlächter im Wettbewerb antreten. Wenn es aber um die Platzierung der nervigsten Bahnkunden geht, fällt er schon sein Urteil. Vor der vernünftigen Ökomutter und der schwerhörigen Rentnergruppe setzt er den Businessman an die erste Stelle. Wie der dasitzt, im Anzug, mit Laptop, wie er telefoniert, erfüllt er sämtliche Klischees. Dann allerdings entpuppt sich der Gesprächspartner als Prostituierte, und es ist erstaunlich, wie auf deren schlüpfrige Anfragen und Angebote die so geschäftsmäßigen Antworten passen, bis hin zum „Ich komme pünktlich“.

Szenen aus dem Alltag. Doch so komisch, ja grotesk sie sein mögen, Uwe Kleibrink erläutert sie in höchst gepflegtem Deutsch, mit langen, wohl konstruierten Sätzen, mit gehobener Wortwahl, nach wissenschaftlichen oder modischen Erkenntnissen. Der Reiz entsteht dadurch, wie er sich ändert, wenn er in diverse Rollen schlüpft, mit Vorliebe in die von Frauen. Denn sein Lieblingsthema ist einfach der Unterschied zwischen Mann und Frau. So stellt er sich vor, nicht Cäsar sei ermordet worden sondern eine Frau, was die berühmten fünf Worte „Auch du, mein Sohn Brutus“ durch einen Redeschwall ersetzt hätte. Verschiedene Anwendung von Sprache und Logik macht auch heute im privaten Leben eine Verständigung schwierig. Wie soll Mann nach den Anweisungen seiner Frau das Glas Essiggurken finden, wenn seiner Meinung nach ein solches noch ungeöffnetes Glas nicht logischerweise im Kühlschrank stehen muss. Frauen sind auch emotional anders gestrickt, wie sich bei Konzertbesuchen zeigt, wenn sie völlig hingerissen alten abgehalfterten Schlagern lauschen. Zu Musik hat Uwe Kleibrink sowieso eine eigene Meinung. Während es vom Band „Memory“ schmachtet, sinniert er über das Wesen der Katze an sich, wie sich die Katze in bestimmten Situationen so anders verhält als der Hund.

Alltagssituationen im privaten und gesellschaftlichen Bereich, Uwe Kleibrink enttarnt sie mit Vergnügen, lässt sich viel Zeit zum Darstellen. Den Ablauf des so heilig gehaltenen Muttertags zeigt er als Drama, bei dem alle genervt sind, Martinsumzüge als akustische und kulinarische Bedrohung. Er macht sich lustig über Facebook, musikalische Früherziehung und esoterische Geburtsvorbereitungen, setzt verzweifelt seinen gesunden Menschenverstand dagegen.

„Wie war's Herr Knabenschuh?“ Nun, für das Publikum war es ein vergnüglicher Abend. Das Lachen zwischendurch und der Applaus am Schluss zeigen, wie oft sich die Gäste erkannt und ertappt fühlten.

Ute Büttner

 

 Lyrik und Musik

Susanne Stierle und Wolfgang Raichle im Kräuterkasten am 13. 1. 2017

Einen Konzertabend der besonderen Art boten am Freitag Susanne Stierle, Mezzosopran, und Wolfgang Raichle, Klavier und Sprechstimme, den Gästen im Kräuterkasten.

Es wird eine Reise durch sechzig Jahre musikalisches und lyrisches Schaffen von Wolfgang Raichle. Er schildert seinen Werdegang vom Teenager bis zum gelernten Musiker und Germanisten. Er erzählt,welche Komponisten ihn beeinflusst haben, welche Dichter ihn besonders angesprochen haben, warum er welches Gedicht vertont hat, blickt selbstironisch und lächelnd zurück auf erste eigene Versuche, verfolgt die eigene Entwicklung. Gleichzeitig liefert er eine Fülle von Informationen, über atonale Musik, über Dadaismus, zeigt, wie er „ jeder ist allein“ in Musik ausdrückt, wie er einen Stein musikalisch beschreibt, wie er bei „etruskischer Vase“ die Betonung auf etruskisch legt. Zu jedem Stück, das aufgeführt wird, gibt er zuerst eine Erklärung ab, so dass man anschließend ganz bewusst lauschen kann und versteht.

Denn es ist keine leicht Kost, kein Dahinplätschern von Tönen und Worten. Doch in seiner ehemaligen Schülerin Susanne Stierle hat Wolfgang Raichle eine kongeniale Partnerin gefunden. Herb klingt ihr Mittelhochdeutsch bei Walther von der Vogelweides „Frühlingssehnsucht“ zu lebhafter, fast harter Klavierbegleitung, lieblich und einfach dann der „Gruß“ von Heine. Die „Wolken“ von Hesse scheinen beide von unten liegend zu betrachten, wie sie ruhig dahinziehen und sich dann verändern. Tief und dunkel beginnt „Ich hört ein Sichelin rauschen“, die Melodie steigt auf, über unruhiger Begleitung tönt die Stimme im Legato, ehe sie in einem Aufschrei endet. Wie gut beide aufeinander hören und abgestimmt sind, zeigt sich beim „Marienlied“ von Novalis. Wolfgang Raichle hat daraus ein Trio gemacht für eine Singstimme und zwei Hände am Klavier, und es ist erstaunlich, wie jede Stimme ihr Eigenleben führt und alles doch zusammen passt. Aber bei allem Ernst, Spaß muss bei Wolfgang Raichle auch sein. Man hört fast, wie die Musik mit den Augen zwinkert, wenn Morgensterns Rehlein beten. Während Susanne Stierle beschwörend das Henkersmädel anfleht, klopft Beethoven schicksalshaft an die Pforten. Ratsherren klagen wie beim lieben Augustin, Schwein grunzen auf den Tasten. „Fisches Nachtgesang“ bereitet besonderes Vergnügen. Es müssen Forellen sein, die da zu Bachs Präludium das Ave Maria singen. Und sie singen natürlich tonlos. Doch an der Mundbewegung von Susanne Stierle, ihren Blicken, ihrer Gestik kann man den Text fast ablesen. Und sie passt so gut auf, dass sie nicht vergisst, an der richtigen Stelle ihr Notenblatt umzuwenden. Ein Höhepunkt wird als Abschluss die „Selbstverwaltungsarie“, wörtlich aus der Verfassung des Landes Baden- Württemberg. Es ist eine wunderbare Parodie, mit allem, was in eine Opernarie gehört, Kolloraturen, endlose Textwiederholungen, fast lyrische Einlagen, Dramatik, Susanne Stierle wäre eine wahre Opernsängerin.

Mit eigenen Stücken für Klavier Solo zeigt Wolfgang Raichle seine Liebe zur Moderne, die doch hergebrachte Formen einbezieht, etwa die Fuge in seiner Elegie. Eigene Gedichte, die er vorträgt belegen seinen entlarvenden Blick auf menschliche Schwächen, seine Gabe für Wortspiele, wenn er einen Fuß seinen Vers suchen lässt.

Wirklich ein besonderer Abend, der Erkenntnis, Ernst und Witz vermischt. Das Publikum lässt die Künstler erst nach viel Applaus und einer Zugabe gehen.

Ute Büttner

 

 „Außergewöhnliche Belastungen“

Stefan Waghubinger im Kräuterkasten

 Stefan Waghubinger lieferte am Freitag im Kräuterkasten zwar keine Tipps zum Ausfüllung der Steuererklärung, dafür aber bemerkenswerte Einsichten in das Leben.

Es ist schon eine Belastung, dieses Formular zur Steuererklärung. Stefan Waghubinger arbeitet schon einen Monat daran, hat aber noch nicht einmal angefangen. Warum, wird schnell klar. Wie soll er arbeiten, wenn nicht einmal sein Wasserkocher für den gewünschten Kaffee funktioniert. Da muss er sich doch Gedanken machen über Strom an sich, über heißes Badewasser früher und heute, über Verurteilte, die sich vor dem Gang zum Elektrischen Stuhl anstelle einer Henkersmahlzeit lieber ein Steuerformular wünschen sollten, damit sie dem Ausfüllen dieses Papiers erleichtert das Sterben vorziehen können. Es sind diese Gedankensprünge, die aber so logisch wirken, die das Programm so besonders machen. Bei jedem Stichwort hält er inne, überlegt. Bei „Geburtsdatum“ denkt er an früher, an die gestrickte Jacke, die ihn wie Biene Maja aussehen ließ, obwohl er doch Captain Kirk vom Raumschiff Enterprise gleichen wollte, an den Nebensitzer in der Schule, von dem er abschreiben konnte, an Haltbarkeitsdauer von Menschen und Geräten.

Doch bei aller Komik spart er nicht mit Kritik, die spöttisch, ganz harmlos und beiläufig oder mit Wortspielen daher kommt. Die Bildzeitung wurde zum Brandbeschleuniger, als sie dem Aufheizen des alten Badeofens diente, die Joggerin steht nach dem Lauf auf der Waage und „wiegt sich in falschen Hoffnungen“. Die geliebte Oma darf nicht aus ihrem reichen Erfahrungsbericht erzählen, dafür schreiben heute schon 20Jährige ihre Biografie. Spielzeug heute ist nicht wertvoller als das, mit dem Kinder früher auf dem Schrottplatz spielten. Ein blonde Barbiepuppe darf auf keinen Fall einen schwarz gewordenen Ken als Kofferträger benützen. Sklavenhaltung ist nicht schlimm, man gibt ihnen genug zum Essen, denn „sein Eigentum lässt man nicht verkommen“.

Immer wieder kreisen seine Gedanken um das eigene Ich und existenzielle Fragen: Ist seine Partnerin verschwunden, weil er nicht romantisch ist, was ist Freiheit, wer bin ich, was ist Wertvolles in mir, was in meinem Rollkoffer, wie kann ich mich selbst finden. Aber auch ein Telefongespräch mit dem lieben Gott liefert keine befriedigende Antwort.

Ein Wasserfall von Ideen, doch die Zuhörer werden nicht erschlagen, denn Stefan Waghubinger nimmt sich Zeit zum Ausmalen, nimmt immer wieder Bezug auf etwas, was er gesagt hat. So erinnert er Gott an den kleinen Jungen, der wie Biene Maja in der Kirche saß, zitiert die geliebte Oma, erinnert sich daran, dass er Raumfahrer werden wollte.

„Mein Kopf ist voll, aber nichts Brauchbares dabei“, beklagt er sich. Dem stimmen die Gäste im voll besetzten Kräuterkasten gar nicht zu. Ihre Reaktionen auf seine Ausführungen, ihr Applaus am Schluss zeigen, dass Stefan Waghubinger nur Brauchbares in seinem Kopf hat.

Ute Büttner

 

 „Justiz auf Rädern“

Anette Heiter im Kräuterkasten am 25. 11. 2016

 Gerichte zum Mitnehmen bot die gelernte Richterin Anette Heiter am Freitag den Gästen im Kräuterkasten an.

Justiz und Gastronomie kann man tatsächlich vergleichen, kann sie klassifizieren. Es herrscht eine Rangliste, bei der nach Bundesgerichtshof, Oberlandesgericht und Landesgericht das Amtsgericht nur noch den Status der Bratwurstbude der Justiz einnimmt. Doch hier spielt sich das Leben ab. Aufrecht steht sie da, die Richterin, mit erhobenem Haupt, erklärt, belehrt, fragt nach, ertappt, eine Autorität und dennoch menschlich. Schließlich geht jeden die Juristerei an, hat jeder Schuld auf sich geladen, durch Abschreiben in der Schule, durch einen klitzekleinen Joint, durch Alkoholfahrten, durch Steuerbetrügereien. Aber sie klagt nicht nur an, augenzwinkernd rät sie, man solle sich ab und zu eine kleine Ordnungswidrigkeit leisten. Warum studiert man Jura? Nun, sie selbst wollte einfach nicht als Lehrerin quengelnde, streitende kleine Kinder erziehen. Leider hat sie aber festgestellt, dass sich alle Menschen vor Gericht wie kleine Kinder verhalten. Und Streit entsteht vor allem in Paarbeziehungen, darauf richtet sie ihr Augenmerk. Was das für Folgen haben kann, wenn es um Scheidung geht, führt sie aus. Sie erklärt solch verwirrende Begriffe wie Zugewinnausgleich, der sich eben nicht auf den Zugewinn an Bauchumfang bezieht oder Hausratsauseinandersetzung, der nicht wörtlich genommen werden darf. Unermüdlich führt sie aus, warum abstrus klingende Urteile aus dem wirklichen Leben zurecht gefällt wurden, wann der Begriff „Mädchen“ eine Beleidigung darstellt, wirbt um Verständnis, beantwortet telefonisch geduldig die Fragen von verwirrten Normalbürgern. Sie hat auch makabre Lösungen parat, wenn man eine Scheidung vermeiden will, etwa „Peter gibt es heut zum Essen“. Und fast beiläufig schiebt sie in das Vergnügen treffende Kritik ein, über den Umgang mit Bootsflüchtlingen, das Gehabe von Justizministern, die Entscheidungen von Richtern, die „einsperren, Führerscheine einziehen, Politiker laufen lassen“.

Besonders eindringlich werden die Belehrungen, weil Anette Heiter sie immer wieder musikalisch unterstreicht, mit eigenen Kompositionen oder mit bekannten Melodien, denen sie eigene Texte unterlegt.Wie sie singt, wie sie präsentiert, man hat die betreffenden Interpreten vor Augen, wenn sie mit Bassstimme fragt „Kann denn Lügen Sünde sein“, wenn der Anwalt nicht bloß mit 66 Jahren sondern sogar noch mit 88 Jahren fit ist, wenn sie sich mit gepressten Lippen empört, mit naivem Blick und feinem Stimmchen fragt, warum Nacktbacken verboten ist. Besonders schön der Rückblick auf ein Leben, als einer „seinen Weg“ geht, wehmütig Erinnerungen an früher besingt und dann doch mit vollen Tönen die Zukunft ins Auge fasst. Hier agiert eine Richterin, die auch Sängerin und Schauspielerin ist.

Anette Heiter will an diesem Abend den schlechten Ruf der Justiz aufmöbeln. Sie weiß auch einen Weg, wie man Aggressionen gegen Rivalen los wird. „Ich kann dich überhaupt nicht leiden“ singt dazu das Publikum begeistert mit. Aber Anette Heiter selbst können die Gäste ganz furchtbar gut leiden und nach diesem Abend haben sicher alle wieder Vertrauen in die Justiz gewonnen, das beweist der fröhliche Applaus.

Ute Büttner

 

 "Lieder mit feiner, leiser Weltkritik"

Harald Immig und Ute Wolf im Kräuterkasten am 11.11.2016

Eine Auswahl aus früheren und neuen eigenen Liedern sangen und spielten am Freitag Harald Immig und Ute Wolf im Kräuterkasten.

Es ist seine bekannte Mischung: Schwätzen, Reden, Singen auf Schwäbisch, Singen auf Hochdeutsch. Harald Immig sucht den direkten Kontakt, schwätzt mit den Leuten, verbündet sich mit ihnen oder teilt freundlich kleine Seitenhiebe aus. Dann spottet er singend mit, wenn es der Inhalt erfordert, durchaus derben Melodien über seine Mitschwaben, ihre Städte, Dörfer, Landschaften, ihre Eigenschaften. Wie sie rabiat werden, wenn ihnen der Freund der Tochter, der Kaminfeger, der Schiedsrichter auf die Nerven gehen wie lästige Stechmücken, wie sie sich im schönen Wohnsitz auf Jamaika jammernd nach dem Häusle in der Heimat sehnen. Wie sie Trost finden bei Mutters Dampfnudeln oder beim Most, der sogar Kindern wohl bekommt. Wenn es dann nicht nur um die Schwaben geht, wechselt er ins Hochdeutsch, schaut auf zu den Sternen, hat dennoch auch einen Blick für Schönheit bei kleinen Dingen wie einer Herbstzeitlosen. Er beobachtet, wie Menschen sich verbiegen lassen ohne es zu merken, wirbt für aufrechten Gang, erkennt eigene Schwächen. Das gelingt ihm recht gut, als er die Geschichte vom Obdachlosen erzählt, den er für eine Stunde bei sich aufnimmt, dessen Erzählung vom harten Leben er lauscht, den er aber trotzdem danach, natürlich völlig zu Unrecht, verdächtigt, in der Garderobe seinen Schal gestohlen zu haben. Eine Erfahrung, bei der man sich durchaus ertappt fühlt.

Ute Wolf ist schon seit einigen Jahren seine Partnerin, sie bilden ein gutes Gespann. Sie begleitet ihn, je nach Charakter des Lieds mit Gitarre oder dumpfen Trommelschlägen. Sie singt unisono mit ihm, wobei sich ihre klare, helle Stimme gut abhebt, oder sie stimmt beim Refrain mit ein, um dessen Bedeutung zu unterstreichen. Wie schön sie singen kann, zeigt sie mit zwei eigenen Liedern, in denen sie Betrachtungen über die Rolle von Mann und Frau und über erfüllte und nicht erfüllte Wünsche anstellt.

Volkslieder gehörten schon immer in ihr Repertoire. Einfach und ungekünstelt ertönt „Rosemarie“ und am Ende singen die Gäste mit bei „Kein schöner Land“. Das ist aber noch nicht der Schluss, denn das Publikum erklatscht sich noch zwei Zugaben.

Ute Büttner

 Mademoiselle Mirabelle

Musikkabarett mit Birgite Gebhardt im Kräuterkasten

Am Freitag nahm Birgite Gebhardt als Mademoiselle Mirabelle mit Wort und Musik typische deutsche und französische Eigenschaften unter die Lupe.

Sie schaut wirklich ganz genau hin. Doch zunächst wirbelt sie auf die Bühne, eine aparte Erscheinung in Schwarz und Türkis, präsentiert mit Zauberhand eine Taschentuchtrikolore, einen Minieiffelturm, lässt einen Schwall Konfetti aus einem Riesenbaguette hervorschießen. Aber dann wird sie streng, schließlich soll das Publikum etwas lernen, soll verstehen, was französische Lebensfreude ist. Sie doziert auf Deutsch mit französischem Akzent. Sie fragt Vokabeln ab. „Lernen, hören, aufpassen“ heißt die Devise. So hat sie selbst einst Deutsch gelernt, was sie mit „Fischers Fritz“ beweist. Es wird ein unterhaltsamer Unterricht, auf ausführliche Belehrungen folgt ein Lied zum Entspannen. Französische Lebensfreude heißt, stets sind die anderen schuld, eigene Fehler vertuscht man, indem man ablenkt, französische Politiker praktizieren das erfolgreich. Sie zeigt sich im Begrüßungskuss, „Die Franzosen sagen nicht bon soir, sie machen einen bon soir“. Französische Lebensfreude steigert l'amour zu l'amour fou. Franzosen wählen den passenden Trinkspruch und zählen die Namen bekannter Weine singend auf. Selbst französische Landschaften sprühen vor Lebensfreude. So vergleicht sie stilgerecht mit Akkordeon die bezaubernde Côte d'Azur mit dem herben Süddeutschland. Herb und düster sind dort auch die Menschen, das zeigt sich schon an ihren schwierigen Namen. Und wie sie die Welt sehen! Was Franzosen nur als malheur sehen, wird bei den Deutschen zur catastrophe, etwa die verkorkste Mülltrennung. Dabei besteht die grande catastrophe darin, wie und wo sie ein Baguette essen, nämlich beim Italiener.

Aber heute Abend sollen die Menschen im Kräuterkasten alles über Lebensfreude lernen. Mademoiselle Mirabelle hat alles im Griff. Sie fragt ab, sie lobt und tadelt, sie erwartet richtige Antworten, bohrt nach. Sie lässt den schwierigen Refrain „du, du, du“ zu ihrem Liebeslied wiederholt üben, bis sie zufrieden ist. Sie verteilt Aufgaben, achtet auf korrekte Ausführung. Sie hat auch die Schüler in den hinteren Reihen im Auge. Und sie hat Erfolg. Mit sicherem Blick wählt sie zwei Männer aus, die tatsächlich freudig auf der Bühne mit ihr tanzen und am Ende singt die Klasse fehlerfrei im Kanon „Frère Jacques“.

Wie gut alle gelernt haben, hört man an dem ständigen fröhlichen Lachen während des Unterrichts und sieht man an den fröhlichen Mienen, als die Gäste den Kräuterkasten verlassen.

Ute Büttner

 „Gnadenlos weltlich““

Der Chor der Mönche im Kräuterkasten

Wieder war der Chor der Mönche mit Wolfgang Vogt, Michael Niethammer, Volker Siegle und Herbert Carl zu Gast im Kräuterkasten, wegen der starken Nachfrage am Freitag und zusätzlich am Samstag. Es beginnt mit dem bekannten und beliebten Ritual: Vier Mönche mit Kutten und Kerzen schreiten in den Raum. „Audite cantum nostrum“ fordern sie salbungsvoll „auf Gregorianisch“. Doch weil die Männer so schön sind und in der Blüte des Lebens stehen, wollen sie das Zölibat ablegen und nicht länger der Liebe entsagen. Einer nach dem anderen wirft seine Kutte ab. Der letzte versucht noch, mit kläglichem „Lasst uns froh und munter sein“ gegen den feurigen Ungarischen Tanz anzusingen, vergeblich, also tauscht auch er die Kutte gegen Frack und Zylinder.

Ein Mönchschor ohne Zölibat und sogleich finden die Männer im Publikum einen Liebling, innig grüßt ihr Herz. Doch weil sie jetzt echte Männer sind, versuchen sie sich gegenseitig zu übertreffen, schubsen den anderen weg, geraten gar auf Abwege in Richtung einer zweiten Frau, ehe sie sich schmachtend wieder der ersten Auserkorenen zuwenden. Das ist eine der Stärken des Quartetts, sie spielen das, was sie singen. Das kann mit großen Gesten sein, wenn der kräftige Rulaman sein Ula mit Knochenspeer und schwäbischem Gebrüll gegen die Rivalen verteidigt oder drei quasi backstage schwärmerisch das Liebesgesäusel des Freundes begleiten. Es ist ebenso wirkungsvoll, wenn sie nur mit steifer Körperhaltung und hochgezogener Augenbraue darauf reagieren, wie einer die weiblichen Kurven seiner Tuba besingt. Sie bearbeiten ungerührt ihr Smartphones, so lange einer seine Einsamkeit beklagt, vergessen als „running gag“, dass sie eigentlich gerade als Nordwind blasen sollten, werden samt Tuba zur Lokomotive, während den Fahrgast das Fieber schüttelt.

Triebwagen erhält eine erotische Bedeutung. Sie spielen vergnügt mit der Sprache. Das geschieht deftig, wenn Chinesen den Jodler erfinden. Sie verwirren den Zugreisenden mit einem Feuerwerk von -ingen, -stetten, -hausen, dass der lieber zu Fuß geht. Sie lassen sich viel Zeit bei diesem Spiel. So erzählt einer stundenlang von schwäbischen Verwandtschaftsverhältnissen, bis sich das neue Bäsle über die neue Kusine in die nouvelle cuisine verwandelt, was der Anlass dafür ist, ein ganz neues Kochrezept auszuprobieren, das sich am Ende als Linsengericht entpuppt.

Es ist ein Chor, bei dem jeder einmal als Solist fungiert, den die anderen begleiten, kommentieren. Die Bandbreite reicht von Gregorianik über Klassik bis zu Schlagermelodien, mal flott, mal rührselig. Ein Höhepunkt wird das Trinklied auf den Most: Der Text, der forsche Gesang, scharfes „sch“ und harter Endkonsonant, engagierter Blick, aufrechte Körperhaltung – hier wird die Tradition des guten alten Männergesangsvereins zum Leben erweckt.

„Nur mit dem Herzen singt man gut“, diesen Refrain darf das Publikum singen. Wenn dieser Satz stimmt, dann hat der Chor der Mönche an diesem Abend aus vollem Herzen gesungen und gespielt, das Publikum im zweimal bis auf den letzten Platz besetzen Kräuterkasten ist begeistert.

Ute Büttner

 „Mutanfälle“

Irmgard Kolbe, Willy Renner und Matthias Schuler im Kräuterkasten (3. 6. 2016)

Mit Musik und Gesprächen konfrontierten Irmgard Kolbe, Willy Renner und Matthias Schuler am Freitag das Publikum im Kräuterkasten mit Situationen, die Mut erfordern.

Mutig ist Irmgard Kolbe schon, stammt sie doch aus Bayern und hat es gewagt, sich im Schwabenland anzusiedeln und hat sich zudem für ihr Programm als Begleiter an Bass und Cajon zwei Männer aus dem Schwarzwald ausgesucht. Aber sie ist gut integriert, wurde aus einem schwarzen Entlein zu „a nette Schawaan“. Aber ganz kann sie ihre Herkunft nicht verleugnen. Jodelnd beschwingt singt sie vom schönen Nichtstun, doch unvermittelt erwacht in ihr das Arbeitstier und die Melodie wird einfach und zielstrebig. Mutig kämpft sie gegen persönliche, gesellschaftliche, politische Probleme, nützt als Waffen ihre große Stimme samt Gitarre und Ukulele, musikalische Zitate, eigene Lieder und Wortspielereien. Hilfe bekommt man nicht von außen. Wenn sie dem Seelendoktor klagt, dass sie nach einer Autopanne daheim ihren untreuen Partner ertappt hat, gibt der Ratschläge zur Reparatur des Autos, nicht der Beziehung. Ein Ingenieur ist auch kein guter Partner, der denkt nicht mit Gefühl sondern rechnet mit der nötigen Anzahl von Streicheleinheiten pro Tag. Dem Alter kann man nicht entkommen, selbst ein Hund, mit dem man gemeinsam Yogaübungen macht, hilft nicht wirklich. Döner darf man nicht mehr essenn, nur noch „Bömer“, die Kanzlerin weiß auch keinen Ausweg. Sogar dem guten bayrischen Volkslied droht Ungemach, wird es doch von fremden Völkergruppen vereinnahmt, wandelt sich in Bolero, Blues, asiatischen Singsang oder gar in ein Marschlied des schwäbischen Albvereins. Für das Trio ist das aber die Gelegenheit zu zeigen, wie gut sie musikalisch sind. Das zeigt sich auch schön, als sie sich dem Thema Märchen zuwenden, weil die doch immer gut ausgehen. Von wegen, schon die Eingangstakte, zwar nicht auf der Zither sondern im Bass drohen Unheil an. So irren Hänsel und Gretel zwar nicht durch Kanäle aber durch einen virtuellen Wald, in dem gängige Modemarken und sogenannte Prominente herumgeistern und gar als Hexe fungieren. Doch Irmgard Kolbe hat ja die Musik und wenn sie die Macht der eigenen Lieder besingt, fühlt man sich an Reinhard Mey erinnert.

Willy Renner und Matthias Schuler sind nicht bloß die „anonymen Begleitmusiker“, Sie gehören dazu, erzeugen mit Rhythmus und Klang die richtige Atmosphäre. Und als sie der Dame gar den Ton, sprich die Stimme abschalten, kann Irmgard Kolbe voll ihre pantomimischen Fähigkeiten ausspielen. Es war ein vergnüglicher Abend und die Gäste erklatschen sich eine Zugabe, ehe sie sich mutig auf den Heimweg begeben.

Ute Büttner

 „Kopfkino“

Martin Zingsheim im Kräuterkasten (6. 5.)

Verbal und musikalisch vermittelte Martin Zingsheim am Freitag im Kräuterkasten, was sich so alles in seinem Kopf abspielt.

Es ist ein Film mit abruptem Szenenwechsel, dann wieder mit lang ausgespielten Passagen, ein Film, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springt, ein Film, der alltägliche Schwierigkeiten mit sozialen, politischen und religiösen Problemen vergleicht, der berichtet und kommentiert. Diesen Film setzt Martin Zingsheim gekonnt in Sprache und Musik um. Freundlich lächelnd steht er da, blickt sinnend ins Weite und die Worte sprudeln aus ihm heraus. Sprache liegt ihm am Herzen, ist sie doch bedroht, muss beschützt werden, so „entfleuchen“ ihm die kostbaren Ausdrücke früherer Jahrzehnte, die heute leider out sind. Sprache zeigt banale Schwierigkeiten bei der Kindererziehung, wenn man hilflos versucht, eine einfache Kinderfrage zu beantworten. Sie wird doppeldeutig bei dem Wunsch, mit Blick auf die stets präsenten Besserwisser, „Wir wären gerne allein erziehend“. Sie kann aus der Frage, wie man Kinder erzieht aber auch eine wissenschaftliche Abhandlung machen, dazu wechselt Martin Zingsheim unvermittelt von der Alltagssprache zur Gelehrtensprache. Sprache kann auch zum Albtraum werden, wenn Klaus Kinski mit harter, kalter Stimme den Kindern zum Einschlafen als Zubettgeschichte aus dem Parteiprogramm der Grünen vorliest oder dem Gläubigen beim Gebet antwortet. Sprache wird tierisch anschaulich, wenn er nicht im Schneckentempo berichtet, wie die Maus doch keinen Faden abbeißt. Sprache sorgt für neue Blickwinkel. Herrlich komisch demonstriert Martin Zingsheim das, wenn er arbeitslose Akademiker als Reporter ein Fußballspiel kommentieren lässt, dass man sich vorkommt wie im Museum oder gar wie in einer Kirche, weil die Schlachtgesänge der Fans vom Geistlichen in Liturgie umgewandelt werden.

Martin Zingsheim setzt seine Worte aber nicht nur ein, um die Gäste zum Lachen zu bringen, er teilt auch Hiebe aus, allerdings nicht mit dem Holzhammer. Sie kommen elegant, in Nebensätzen, werden nachgeschoben. So mokiert er sich über Ernährungs-und Umwelttrends, wenn Erdbeeren zwar im Winter eingeflogen werden, dafür aber garantiert Bio sind. Er entlarvt Geschwätz am Stammtisch und in Talkshows. Er warnt davor, dass man mit Sprache seine eigene Meinung festnagelt und empfiehlt deshalb, bei Demonstrationen für die aufgesprühten Parolen kein Spray sondern lieber Kreide zu verwenden. Er macht sich lustig über „tierische“ Panzergeschwader und hinterfragt dann beiläufig den Sinn dieser Geschütze.

War früher alles besser oder sind wir heute geprägt von Fehlern aus der Zeit, als wir Kinder waren? Mit einem musikalischen Rückblick auf die 90er Jahre deckt Martin Zingsheim genüsslich die sprachlichen Plattheiten dieser Zeit auf.

„Soll es heute Kabarett oder etwas mit Humor sein“, fragt Martin Zingsheim zu Beginn unschuldig. Nun, er hat eine virtuose Verbindung geboten, das Publikum im dicht besetzten Kräuterkasten antwortet mit Lachsalven zwischendurch und langem Applaus am Schluss.

Ute Büttner

 „Getrennt“

Das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten (15. 4. )

Am Freitag spielten Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein im Kräuterkasten „Getrennt“ von Tom Kempinski

Ein Mann räkelt sich auf einem alten Sessel, schaut fern, eine Frau sitzt auf der Bettkante, daneben steht ein altmodischer Nachttisch- so nah beieinander auf der Bühne, aber doch so weit voneinander entfernt, die Frau in New York, der Mann in London. Nähe und Ferne, dieses Thema zieht sich durch das ganze Stück. Die körperbehinderte Schauspielerin Sarah Wise wird eine Hauptrolle in einem Stück von Joe Green spielen, der ist psychisch angeschlagen, schreckt vor Kontakten zurück, hat eine Schreibblockade. Die Beiden überbrücken die Ferne zunächst per Telefon. Dann besucht Sarah Wise Joe Green. Doch diese Nähe tut nicht gut, Sarah reist zurück. Nach Monaten versuchen sie über das Telefon einen neuen Anlauf, um sich näher zu kommen.

Telefonate, ein kurzer Besuch, also fast keine Handlung. Das verlangt den Schauspielern einiges ab, aber Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein meistern diese Schwierigkeit bravourös. Sarah ist die Frau, die stark sein will. Ihr zunächst verhärmtes Gesicht beginnt zu strahlen, sobald sie den Hörer ergreift. Dann redet sie entschlossen, eindringlich, versucht, ihre Zuversicht auf den Gesprächspartner zu übertragen. Sie durchschaut ihn, bringt seine Ausführungen auf den Punkt, lacht herzhaft. Von ihrer Krankheit spricht sie völlig sachlich, ohne jede Emotion. Joe Green dagegen spielt zunächst den genialen und jovialen Autor, jammert später über seine Schreibhemmung, stellt Fragen, obwohl er eigentlich nur an sich selbst interessiert ist, und dabei verrät ihn stets sein Gesichtsausdruck. Er ist unstet, wechselt zwischen hektischem Staubsaugen und Lektüre zu Mozartmusik, schreckt auch mal davor zurück, den Hörer zu ergreifen, und beweist plötzlich mit Blick und Haltung und Tonfall, dass er sich durch die Partnerin ertappt fühlt. Schließlich sind sie sich einig, dass sie sich treffen wollen, und diese Verbundenheit zeigen sie,als sie, obwohl in New York und London, auf der Bühne dicht vor einander stehen. Richtig komisch wird es, als Sarah zu Besuch kommt. Wie Joe durch die Wohnung wuselt und aufräumt, wie fürsorglich er Sarah die Treppe herunter geleitet und im Sessel platziert. Und dann sitzt er verlegen neben ihr, sucht nach Worten. Abhilfe schafft kurz das gemeinsame Arbeiten am neuen Stück, doch als Sarah zeigt, dass sie noch mehr Nähe will, wird aus dem einfühlsamen Gastgeber ein Grobian, er jagt Sarah praktisch aus dem Haus, weg von sich. Das Ende? Nein. Der letzte Telefonanruf geht bezeichnenderweise von Joe aus. Sie wollen es nochmals miteinander versuchen, sich dabei an feste Regeln halten. Doch Joe hört sich an wie beim allerersten Gespräch. Ist das also nur der Beginn eines endlosen Kreislaufs?

Das Ende ist also nicht sicher. Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein haben an diesem Abend „Getrennt“ zum ersten mal aufgeführt. Und ganz sicher ist, dass sie ein gutes Stück ausgesucht haben, dass sie so gut gespielt haben, dass die leider nur wenigen Gäste konzentriert und doch auch oft mit einem Lächeln dem Verlauf folgen konnten. Sie bedanken sich am Schluss mit viel Applaus.

Ute Büttner

 „Secondhand Mann“

Carsten Höfer im Kräuterkasten (18. 3. 2016)

 „Gebrauchte Männer l(i)eben besser“, behauptete am Freitag Carsten Höfer im Kräuterkasten und fütterte sein Publikum mit eigenen Beobachtungen, Erfahrungen und Ratschlägen.

Ein normaler Firsthand-Mann kann durch Scheidung zum staatlich geprüften Secondhand Mann werden. Dieser Status wird ihm durch die Scheidungsurkunde bescheinigt. Doch um dieser Ehrung würdig zu werden, bedarf es einer mühsamen Ausbildung. Solch ein Secondhand Mann ist etwas Besonderes, kann er doch alle die Fehler vermeiden, die er als Firsthand Mann gemacht hat.

Anhand zweier Themen erläutert Carsten Höfer, was und warum etwas in einer Beziehung schief gehen kann, Geburtstagsgeschenk und Abendessen im Restaurant, denn, so weiß er, es sind nicht die großen Schwierigkeiten, die eine Beziehung scheitern lassen, sondern die kleinen Alltagsprobleme. Grund dafür ist, dass Männer und Frauen grundsätzlich verschieden sind. Frauen sind emotional, liebebedürftig, suchen Anteilnahme, wollen überrascht werden. Männer sind sachlich, analysieren, sind erfolgsorientiert, haben Angst vor Überraschungen. Folglich bevorzugt der Mann praktische Geschenke, die er im Alltag wirkungsvoll einsetzten kann, von denen er schon drei Wochen vorher weiß, dass er sie geschenkt bekommt, mit denen er im Kreis seiner Männerfreunde angeben kann. Frau hingegen verlangt, dass Mann ihre geheimsten Wünsche erspürt. Carsten Höfer rät deshalb, dass der Mann das ganze Jahr über jede kleinste Äußerung seiner Frau hinterfragt, ob sich dahinter ein Wunsch verbirgt, dass er auch darauf achtet, was sie von ihrer besten Freundin erzählt. Auch im Restaurant zeigen sich Unterschiede. Der Mann will satt werden, vergleicht Preis und Gebotenes, isst nur, was er kennt, könnte nach zwei Minuten bestellen. Die Frau liest die Speisekarte gründlich, zaudert, hat Sonderwünsche, ändert noch beim Bestellen ihre Meinung. Genüsslich deckt Carsten Höfer die Schwächen von beiden Geschlechtern auf und spottet nebenher auch über das soziale Umfeld. Etwa wenn er sich darüber lustig macht, dass im Gourmettempel das Steak nicht mit sondern an Beilagen serviert wird. Mit Sprache kann er sowieso umgehen. So erläutert er, wie viel Gefahr in der harmlosen Bemerkung steckt „...die machen nicht dick“.

Wehe, wenn der Mann da die falsche Antwort gibt. Oder er zeigt an dem Vorschlag der Frau „Wollen wir den Antipastateller teilen?“, wie sehr die Frau nach Gemeinschaft strebt.

Eindringlich berät Carsten Höfer seine Gäste beiderlei Geschlechts, im voll besetzten Kräuterkasten, beschreibt schwärmerisch die Frauen, die Männer wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung. Aufmerksam lauscht das Publikum, lacht, erkennt sich vergnügt wieder und ist so wissbegierig, dass es Carsten Höfer mit viel Applaus erst nach einer lehrreichen Zugabe entlässt.

Ute Büttner

 „Wir können alles...“

Uwe Spinder im Kräuterkasten

 Ein abwechslungsreiches Ein-Mann-Kabarett bot Uwe Spinder am Freitagabend im Kräuterkasten. Kabarett kurz vor Wahlen sei verboten, erzählt Uwe Spinder, vielleicht,weil das gefährlich sei. Welch ein Glück für das Publikum, dass sein Zug aus Stuttgart nur 40 Minuten Verspätung hatte, die Vorstellung also noch stattfinden kann.

Und gefährlich soll er sein, dieser freundliche Herr im besten Alter, mit Brille und schwungvoller Gestik? Der zudem eine Vorliebe für Heinrich Heine hat. Doch Vorsicht, schon Heine war ein kritischer Geist. Und auch Uwe Spinder liest und hört und schaut genau hin, nicht nur im Schwabenland, und er zieht daraus seine Schlüsse, lakonisch, bissig, unterhaltsam. Dabei haben es Kabarettisten heute schwer, etwa hier im Ländle ohne Mappus. Wehmütig denkt Uwe Spinder zurück an frühere Größen wie Franz Josef Strauß. Doch er findet auch heute seine Zielscheiben, nimmt sie unter die Lupe und auseinander. Winfried Kretschmann wird immer kabarettabler, je länger er im Amt ist, Horst Seehofer sorgt dafür, dass man heute sogar die Kanzlerin loben muss. Wahlkandidaten versuchen, ihrem Namen Ehre zu machen, Parteien suchen verkrampft aber umsonst nach qualifizierten Personen, die sie aufstellen könnten. Kabarettreife Vorlagen liefern Minister jedweder Couleur auf Bundes -und Landesebene nach Brüssel, verfrachtete Politiker schließen sich an, in Bayern rüstet sich gar ein unheimliches Trio zum Putsch. Selbst im Königreich Fußball ist nichts in Ordnung, denn dort herrscht die „Mafifa“.

Uwe Spinder spielt gerne mit Worten. So kommentiert der das Treiben der NSA unschuldig mit „auch Vokabeln wurden doch jahrelang abgehört“. Aber nicht nur Menschen, auch die von ihnen erschaffene Bürokratie sorgt dafür, dass man lauthals lacht und sich zugleich an den Kopf greift, etwa wenn Uwe Spinder eine Entscheidung vorliest, die festlegt, dass ein in der Haustür eingeklemmtes Knie schon auf dem Weg zur Arbeit war und deshalb versichert ist. Nach der Pause werden die Themen leichter, wenn Uwe Spinder räsoniert über Wissen, Nichtwissen und Wissen, das keiner braucht und dabei vor allem die Jugend und die sozialen Medien aufs Korn nimmt. Er kennt sich da aus, ist er doch über Facebook mit seinem eigenen Sohn befreundet. Kopfschüttelnd fragt er sein nicht ganz junges Publikum „Hätten sie als Jugendlicher mit ihren Eltern befreundet sein wollen?“ Die älteren liegen ihm am Herzen, so dienen seine abschließenden Verbesserungs-vorschläge auch ihrem Wohl, Vorschläge zur Reform von Renten, Gesundheitssystem bis hin zur Grabpflege.

„Wir können alles..,“ Uwe Spinder hat zwar durchaus Vorlieben für Stuttgart und sein „savoir vivre“ oder für die Frau des Ministerpräsidenten, aber er kann auch Hochdeutsch und er kann sein Publikum so unterhalten, dass er es gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken bringt.

Ute Büttner

 

 „Wir machen eine Szene“

Impro-Theater-Abend im Kräuterkasten

 Theater der besonderen Art machten Uli Biesel, Christine Funk, Brigitte Lucas-Kuhl, Florian Marquart und Martin Romer am Freitag im Kräuterkasten.

Von Beruf sind sie eigentlich alle Lehrer. Das merkt man gleich ein wenig bei der Begrüßung. Da steht einer, der es gewohnt ist, vor voll besetzten Stühlen und Bänken zu stehen. Der Spielregeln verständlich erklären kann, hier die für das Improvisieren. Der unermüdlich üben lässt, wie man richtig bis drei zählt oder Meerersbrisengeräusche produziert, wie viele Finger man ausstrecken muss, um zu zeigen, dass in der nächsten Szene zwei Personen spielen sollen.

So gut vorbereitet kommen dann aus dem Publikum die Aufgaben. „Kugelschreiber aus Russland“ heißt das erste Stichwort. Und dieser einfache Stift verwandelt sich in eine Zigarette, einen Lippenstift, eine Laserkanone. Ein Film mit dem Titel „Der Backstein“ hört sich ja langweilig an, doch er entpuppt sich als spannender Thriller um Diamantenschmuggel. In der Pause schreiben die Zuschauer Sätze auf Zettel, die dann in die folgende Szene spontan eingebaut werden müssen, und siehe da, die Schauspieler schaffen es, Sprudelkisten im Keller logisch mit einer schwangeren Oma zu verbinden.

Die fünf Akteure haben selbst sichtbar Spaß am Spiel, wählen Rollen, die zu ihrem Typ passen. Da ist die mütterliche, etwas hilflose Frau, die sich um ihren Mann sorgt neben der, die sich kühl und emanzipiert gibt und Anweisungen an den Mann erteilt. Der lebhafte Hagere bringt Schwung, entlockt dem Filmregisseur herrlich hohle Phrasen oder zappelt nach dem Lichtschalter, der freundliche Mann stellt sich ungeschickt an, wenn er Schnee schippen muss oder bringt als Verkäufer durch geduldiges Nachfragen die aufgebrachte Kundin darauf, über welches mitgebrachte Werkzeug sie sich eigentlich beschweren will. Der Kraftmensch schließlich überzeugt im Urwald genauso wie als pubertierender Jugendlicher.

Doch Improvisation fordert auch Disziplin. Wenn einer klatscht, überlassen die anderen ihm das Feld, sprich die Bühne. Das Stichwort des einen nimmt der nächste als roten Faden auf, so kommen der Restauranttester und die Stewardess zusammen. Die ratlose Schriftstellerin tippt ihren Roman, während die anderen dessen Inhalt spielen und das Vorgelesene und das Spiel stimmen überein. Besonders schwierig wird es, wenn die Akteure während des Spiels die Rollen blitzschnell tauschen müssen, auch das schaffen sie, notfalls mit schlagfertigen Bemerkungen.

Zu Beginn wurde dem Publikum auch beigebracht, wie man richtig applaudiert. War unnötig, denn die Zuschauer im voll besetzten Kräuterkasten können das schon. Sie kommentieren mit Lachsalven und klatschen am Schluss begeistert Beifall.

Ute Büttner

 

Weit weg von Stubenmusik

Zither - Virtuose Michal Müller mixt Einflüsse von Jazz, Pop und Klassik

 Er ist einer der innovativsten Zitherspieler der Gegenwart:

Michal Müller hat im Kräuterkasten Kostproben seines Könnens gereicht.

                                                                                              Von Sabine Miller.

 Ich spiele überwiegend meine eigenen Stücke, sagt Michal Müller, Tonschöpfer und Interpret aus Tschechien, der in seinen Werken und Darbietungen eine enorme Bandbreite verschiedener Genres ausmisst.

Volks- und World-Musik, Pop, Klassik, Jazz, Blues: Alles inspiriert ihn, fast

jede Partitur verwandelt er in einen neuen Kosmos. Gebrochen schillert darin zwar die ursprüngliche Komposition, vor allem aber dringen die Ver- und Umdichtungen seiner eigenen, emotionalen und zugleich ausdruckstarken musikalischen Sprache durch.

Beim Auftritt im Ebinger Kräuterkasten durchschritt er viele Jahrhunderte Musikgeschichte und richtete den Fokus dabei auf Folkloremotive: „Der Schustertanz“, deutsches Volksmusikgut aus dem Barock, mittelalterliche Liedandachten oder „Die Frühlingserwartung“, ein Thema in Variationen – zusammen wirkten die Vorträge wie ein Kaleidoskop mit immer wieder neuen Tonbildern zwischen verspielter Fröhlichkeit und nachdenklicher Ernsthaftigkeit mit mystischem Anstrich.

Farbsatter, voller Klang trat gegen feine, durchsichtige Schwingungen an, dynamische Wechsel durchkreuzten jedes allzu trügerische Idyll. Nur eines zog sich als Konstante durch das Programm: Michal Müllers Klangwelten kamen nie auch nur in die Nähe jener heimeligen Stubenmusik-Atmosphäre, die traditionelle Zitherspieler für gewöhnlich verbreiten. 

Der Lauf seiner Finger mutet kontemplativ an

In den für das Ohr ungewohnten, wandlungsfähigen Gesang der E-Zither mischte sich hin und wieder seine dunkel gefärbte Stimme. Mit seinem Instrument ging er um, wie mit einem geliebten Gegenüber – keine Sekunde riss während des Spieles der Kontakt ab, der Blick haftete selbst beim Singen konzentriert auf den Saiten, oft hielt er die Augen geschlossen. Der Lauf der Finger auf dem Brett mutete kontemplativ wie die Bewegungen einer indischen Tempeltänzerin an. Von der sanften Melodik des mährischen Volksliedes „Es fällt der Morgentau“ konnte sich der Hörer wegtragen lassen – hier spannten sich Harmonien und Rhythmen voller Gefühl.

„ich mag traurige und melancholische Lieder“, gestand der im nordböhmischen Varnsdorf geborene Musiker, der neben Konzerten auch viele Seminare gibt. Die Zither hat er mit 13 Jahren für sich entdeckt, studiert hat er sein Saitenspiel in Wien.

Wie virtuos er dieses mittlerweile beherrscht, welch neue Pfade er damit eingeschlagen hat, dokumentierte er im Kräuterkasten gute anderthalb Stunden lang und setzte mit Lou Reeds „Perfect Day“ eines der Glanzlichter des Abends publikumswirksam an den Schluss.

Von Sabine Miller

 

Heinz Erhardt

Humoristisch-musikalisch-literarische Revue mit Pina Bucci, Michael Grüber und Christa Stiegenroth im Kräuterkasten

Am Freitag (15. Januar 2016) blickte Pina Bucci, Michael Grüber und Christa Stiegenroth zurück auf Heinz Erhardt, sein Leben, seine Gedichte, seine Lieder, seine Musik.

Die Erkennungsmelodie von Dalli Dalli erklingt, zwei Frauen im Pettycoat, ein Mann

mit weißem Hemd und roter Weste – die 60er und 70er Jahre kehren wieder, und

mit ihnen ein freundlicher Herr mit schütterem Haar und Brille, mit eher heller Stimme und verschmitztem Blick. Ein Herr, der unnachahmlich mit der Sprache umgeht. Der Metaphern wörtlich nimmt : Wenn der Winter vor der Tür steht, dann sperre ich eben ab und lasse ihn draußen frieren. Der logisch folgert, dass Buchfinken lesen können, der in Diktion von Goethes Erlkönig erzählt, welches Pech die Pechmarie wirklich hat, der Dramatik bricht, wenn eine Frau ein unheimliches Gewitter einfach als Dreckswetter bezeichnet, der zum großen Vergnügen des Publikums Wortspiele und Schüttelreime einsetzt, wie etwa den Klassiker mit der Klapperschlange.

Der auch mal nachdenklich wird. Dichten kann er nur im Wald, nicht unter Menschen.

Die drei Künstler tragen aber Heinz Erhardt nicht einfach vor, sie setzen ihn in Szene. sie verwandeln die traurige Geschichte von der Made in ein Puppenspiel.

Wenn der arme Agamemnon sich ertränken will, verschwindet er langsam hinter der Bühnenwand. Sie machen aus der Ehetragödie in „g“ ein Theaterstück. Pina Bucci und Christa Stiegenroth tanzen als Brautpaar wie Marionetten und die Klavierbegleitung von Michael Grüber klingt dazu wie eine Spieluhr.

Dass Heinz Erhardt auch Musiker war, auch selbst komponierte ist sicher nicht so bekannt, aber vor allem Michael Grüber zeigt diese Seite genial. Er spielt Erhardts Wahnsinnswalzer mit aufgerissenen Augen und hektischen Bewegungen tatsächlich wie ein Wahnsinniger, untermalt die Beschreibung des Waldes richtig romantisch, rockt als rast- und ratloser Verliebter, singt und spielt sanft als zärtlicher Vater

ein Schlaflied. Alte Fotos zeigen Stationen in Erhardts Leben, dienen sozusagen als Stichwort für den nächsten Beitrag. Als treuen Wegbegleiter könnte man auch Ritter Fips bezeichnen. Seine Erfahrungen mit Schule und Frauen. Am Schluss steht Ritter Fips in seiner Rüstung an der Brüstung wie Schillers Polykrates auf des Daches Zinnen, Aber die Gäste im voll besetzten Kräuterkasten wenden sich nicht mit Grausen, sie sind begeistert. Bereitwillig singen sie dann den Refrain mit vom Lord, der im Ford fortfährt, und so wie der Lord schließlich daheim bleiben will, wollen sie, dass die Künstler mit ihrem Heinz Erhardt im Kräuterkasten bleiben. Dieser Wunsch wird mit Zugaben erfüllt.

Ute Büttner

 

 „Trennung war noch nie so lustig“

Rena Schwarz im Kräuterkasten

Am Freitag 8. Mai räsonierte Rena Schwarz im Kräuterkasten über Vor- und Nachteile, Vorgeschichten und Nachwirkungen von Trennungen.

Rena Schwarz ist frisch getrennt, ist also eine Frau mit Erfahrung. So betritt sie den Raum und überprüft sorgfältig die Anwesenden: Wer ist schon getrennt, wer noch verheiratet, wie lange schon, wie lange noch? Sie wird fündig und führt die Betroffenen den ganzen Abend als leuchtende oder warnende Beispiele heran, lobt sie, tröstet sie, maßregelt sie. Trennung ist etwas für wissenschaftliche Untersuchungen, wie entsteht Trennung, wie kann sie forciert oder vermieden werden, wie reagieren Männer, wie Frauen darauf. Aber dieser Abend wird kein trockenes Seminar. Rena Schwarz setzt ihre persönlichen Erfahrungen mit Martin, Jens, Rolf ein, um die Gruppe im Saal zu therapieren. Sie erzählt vom Wandel in einer Beziehung von der ersten Zeit, in der man Seiten von sich zeigt, die zwar die besten sind, die man aber eigentlich gar nicht hat, bis hin zum grauen Ehealltag, warnt, dass ein Ferienparadies kein Paradies, sondern ein Trennungsgrund sein kann. Müsste man eigentlich wissen, denn für Adam und Eva fing der Stress im Paradies an. Sie demonstriert, welch unterschiedliche Bedeutung ein Satz wie „Immer weißt du alles besser“ durch unterschiedliche Betonung erhält. Sie gibt Ratschläge für Trennungsopfer und deren verbliebene Freunde „Nicht zu nett sein!“, entlarvt angeblich aufbauende Abschiedssätze wie „Lass uns Freunde bleiben“.

Als gute Therapeutin lässt Rena Schwarz auch die zu Therapierenden zu Wort kommen. In der Arbeitspause dürfen sie eigene Anliegen aufschreiben und erhalten dann Antwort. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Befriedigung von Rachegelüsten. Die kann Frau am besten an Manns Auto ausleben. Als sachverständige Mitarbeiterin wird sogar Frau Merkel eingesetzt, deren schöne Ausführungen in dem Merksatz gipfeln „Mit Männern kann man nicht verhandeln“.

Zu einer guten Therapie gehört das Einsetzen von Musik, und darin ist Rena Schwarz richtig gut, sei es, dass sie volksliedhaft mit „Mein Ex, der ist ein Wandersmann“ die Anwesenden zum fröhlichen Fidiralala animiert, dass sie höchst emotional eine versoffene Nacht besingt oder rappend fragt „Wie werd ich ihn los?“ Man hat aber trotz gegenteiliger Beteuerung den Eindruck, dass die Therapeutin selbst noch immer leidet, gerne wieder einen Partner hätte. Daraus folgt ihr letzter Ratschlag. Man soll einfach sich selbst lieben, denn von sich selbst kann man sich nicht trennen. Was das Publikum angeht, das hat Rena Schwarz so lieb, dass es sich nicht von ihr trennen möchte und erst nach einer Zugabe in die vorläufige Trennung einwilligt.

Ute Büttner

„Von wegen“

Thomas Felder am 17. April 2015 im Kräuterkasten

 Mit Musik und Text hielt der Liedermacher Thomas Felder wie ein Eulenspiegel am Freitag seinem Publikum im Kräuterkasten den Spiegel vor.

Man fühlt sich ins Mittelalter versetzt, als der Musikant auftritt. Er entlockt der Drehleier wahrhaft leiernde Töne, die an Dudelsack erinnern. Dann singt er von dem schönen Land mit wilder Natur, ohne Krankheiten, ohne Schloss und Riegel. Doch leider ist der Zugang zu diesem Land verwehrt. So beschreibt er jetzt, was außerhalb dieses Landes so alles passiert. Was er zu sagen hat, spricht er, bestätigt es dann durch Musik, und beides entspricht sich in seinen Wiederholungen, leichten Variationen, I ben so, wi i ben, du bischt so, wi du bischt“. Der Schwabe findet sich wieder in diesen Erkenntnissen. Doch dann bezeichnet Felder das Schaffen als Krankheit und erzählt vergnügt von dem, der nichts zuwege bringt, weil er immer erst „sei Sach'“ suchen muss. Und diese Klage des verzweifelten Schwaben untermalt er auf dem Klavier auch noch mit flotten Rhythmen aus Amerika! Harmlose Späße, könnte man meinen, diese Zungenbrecher um „Denne“ die man „nemme nemme“ kann, diese schwäbischen Wortspiele über hauen als haben oder schlagen, die Verwandtschaft von Schwäbisch und Chinesisch, die das Publikum noch mit Jodeln begleiten darf, das schottische Volkslied, das Felder mit heller, leicht blecherner Stimme wie ein echter Schotte zur Gitarre singt und dann genial in schwäbische Sprache und Lebensart überträgt. Doch dann verteilt er Hiebe. Der Erdkreis dreht sich um den Mercedesstern und in schönstem Honorationenschwäbisch erklärt der Regierungsbeamte, warum der normale Bürger jetzt auch für die Atemluft bezahlen soll. Mutter Erde beklagt sich über ihr jüngstes Tier, dessen Treiben immer mehr ihr Antlitz verletzt. Der Spass hört auf. Wer hilft gegen Zerstörung, für die Stuttgart 21 für ihn als Beispiel steht? Kann die Kirche helfen. „Herr, schmeiß Hirn ra“, fleht er mit Gerhard Raff zu Choralklängen auf dem Klavier, doch auch die Kirche dient dem Gott Mammon. Es ist ein Anliegen, das Felder auf der Zunge brennt. Wie ernst er es meint,spürt das Publikum. Im Saal wird es ganz still, auch als er dann mit Worten von Hölderlin stellvertretend für menschliches Leid an ertrunkene Bootsflüchtlinge erinnert und sein Programm mit Psalm 23 abschließt. Die Stimmung hellt sich bei den Zugaben wieder auf. Als Liedermacher der guten alten Schule erweist sich Felder am Ende nochmals mit seinem Lied von den „alten Wegen“ und man wünscht sich, dass solch ein Weg Thomas Felder einmal wieder in den Kräuterkasten führt.

„Herbstflimmern“

Theater unter der Laterne im Kräuterkasten

Am Freitag spielte das Theater unter der Laterne im Kräuterkasten Rolf Salomons Tragikomödie über die Alzheimer Krankheit „Herbstflimmern“ mit Christoph Holbein als Charles Leconte, Barbara Wydra als seine Tochter Camille, Gabriele Gatzweiler als seine Haushälterin Bernadette und Joachim Mangold als Schachpartner Francois.

M. Leconte trippelt in den Salon seines Pariser Appartements, schick im dunklen Anzug mit Weste und Krawatte. Aber er beginnt mit brüchiger Stimme lauthals zu schimpfen, auf die unmögliche Musik im Radio, auf die Nutzlosigkeit von Hörgeräten, er doziert über die Vorteile des Rauchens, das „die Sinne schärft“. Seine freundliche, aufmerksame Haushälterin Bernadette kann ihn nicht umstimmen. M. Leconte ist Bretone, den es nach Paris verschlagen hat, Das könnte ja die Ursache für seine Sturheit sein. Dass der Grund dafür im Beginn seiner Krankheit liegt, ist dem Publikum früher klar als Bernadette und Tochter Camille, die sich zunächst selbst beruhigen „Manchmal vergisst er etwas, (den Regenschirm, wo die Schuhe sind) aber sonst..“ Freundlich, ja zärtlich wird Leconte, wenn er von seiner verstorbenen Frau Marie erzählt. Aber ist sie tot? Sie hat doch das Essen für den Freund Henri gekocht, der sich immer wieder telefonisch meldet. Und jetzt wollen sie in Urlaub fahren. Leconte packt den Koffer, Marie geht voraus auf die Straße – und ist plötzlich verschwunden. Immer wenn Leconte in seine imaginäre Welt eintaucht, wird die Szene in Dunkel getaucht. Bernadette und Camille bekommen nichts mit, hören nie das Telefon, Bernadette hat zwar das Gastmahl gekocht, geht dann aber aus dem Haus. Eindringlich spielt Christoph Holbein. Diese unbeholfenen, hastigen Bewegungen, dieser leere Blick, wenn er etwas gefragt wird, was er nicht mehr weiß, diese Überheblichkeit, wenn er seine Kenntnisse von sich gibt und ganz selbstverständlich einen Augenblick später das Gegenteil behauptet. Gabriele Gatzweiler überzeugt als geduldige Haushälterin, die mitfühlend das Bild von Marie betrachtet, tröstet, aufmerksam zuhört aber auch Ratschläge gibt, nicht nur M.Leconte sondern auch dessen Tochter Camille zu deren Eheproblemen. Bei aller Tragik kommt die Komik nicht zu kurz. So verwandelt sich Barbara Wydra gekonnt von der biederen, leicht verklemmten Camille im grauen Kostüm in eine lockere junge Frau in rotem Kleid, die sogar Reizwäsche kauft. Leconte erinnert mit seiner absurden Streitsucht manchmal an Figuren von Loriot. Zu einem besonderen „Dinner for one“ wird das Abendessen, wenn Leconte seinem nicht anwesenden Freund Muscheln vorlegt, Wein einschenkt, sich mit ihm unterhält. Richtig komisch auch Joachim Mangold als Schachpartner Francois, der sich einfach nicht zum Zug entscheiden kann. Aber die reale Welt entgleitet immer mehr und so fragt Leconte am Schluss seine Tochter „Wer sind Sie. Müsste ich Sie kennen?.

Der Kräuterkasten hat sich in einen Theatersaal verwandelt, das Publikum hat einen großartigen Theaterabend erlebt.

Ute Büttner

„Kill me Kate“

Eine Dramödie mit Inka Meyer im Kräuterkasten

Als Theatermacherin Nora machte sich Inka Meyer am Freitag im Kräuterkasten Gedanken über die Rolle der Frau im Theater und im wirklichen Leben früher und heute.

 „Der widerspenstigen Zähmung“ soll Nora inszenieren, bloß wie? „Schlag nach bei Shakespeare“ möchte man ihr zusingen und tatsächlich gibt Shakespeare als Puppenkopf auch Ratschläge. Doch die sind veraltet. Vorbei die Zeiten, da Frauen nicht auf der Bühne auftreten durften oder umgekehrt Frauen in Hosenrollen schlüpften. Dabei wäre Vertauschung der Rollen gar nicht schlecht, bei Schiller zum Beispiel. Dann wird aus Jeanne d'Arc ein Johannes, und ab mit ihm auf den Scheiterhaufen. Und dann verliert Mario Stuart anstelle von Maria den Kopf, wie schön. Noras Verhältnis zu Männern istnicht ungetrübt, erst kürzlich hat sie sich von ihrem Didi getrennt. Bei Shakespeare sind die Männer besonders schlimm. Othello schlägt seine Frau in aller Öffentlichkeit und bringt sie am Schluss gar um – und seine Desdemona findet das völlig in Ordnung und nimmt alle Schuld auf sich. Die Frauen sind eben auch nicht unproblematisch. Diese widerspenstige Katharina, wie wird sie doch von Petruchio gelobt „Mein Pferd, mein Ochs, mein Esel, kurz mein alles“, wie tönt sie erst „Ein Weib wird bald zum Narr'n gemacht, wenn sie nicht Mut hat, sich zu widersetzen“, wie preist sie dann als Gezähmte ihren Herrn und Gebieter, eindringlich mahnend wendet sich Nora beim Zitieren dieser Lobeshymne an die Frauen im Publikum.

Klassisches Theater, wie inszeniert man das heute, um vor den Kritikern zu bestehen? Man verwandelt Romeo und Julia in zwei grobe, coole Teenies „Hey du, was haste gesagt?“ oder mit Blick auf die älter werdende Gesellschaft in zwei Uralte, bei denen brüchige Stimmen und Schwerhörigkeit den Dialog erschweren. Man könnte die klassischen Helden auch zur Werbung einsetzen. Dann wischt ein Wunderreinigungs-mittel das Blut von den Händen von Macbeth ab.

Noras Überlegungen werden durch zahllose Anrufe von Nichten und Freundinnen unterbrochen, die Rat in Lebensfragen suchen. Das fordert zu Vergleichen heraus zwischen heute und der Zeit vor etwa 40 Jahren. Heute versuchen die Jugendlichen sich mühsam am „Sexschatten“, früher genügte die „Bravo“ zur Aufklärung. Früher waren die Frauen Alice-Schwarzer-gläubig, heute glauben sie blind jeder Theorie zur modernen Babyerziehung oder melden gar den vierbeinigen Kindersatz in einer Krabbbelgruppe für Hunde an. Mit aufgerissenen Augen und fragendem „Hallo“ betrachtet und kritisiert Nora Geschlechtsgenossinnen, aber auch deren Partner. Müssen kleine Mädchen wirklich zum Superstar gemacht werden, ist Barbie als Powerfrau ein Vorbild? Sind Frauen Opfer? Nora zitiert Zahlen zum Arbeitslohn, zur Rente, zur Altersarmut und scheint das zu bestätigen. Doch frech empfielt sie dann die Scheidung als Mittel zur Einkommenssicherung.

Vergnügt verfolgt das Publikum, fühlt sich lachend immer wieder ertappt bei Noras Beobachtungen. Aber Scharfblick gab es schon früher. „Ich werde jetzt mal wieder Shakespear lesen“, nimmt sich ein Gast beim Hinausgehen vor.

Ute Büttner

„Best of Melodisteln“

Martina Göhring und Ernst Seitz im Kräuterkasten

Am Freitag ließen die Schauspielerin Martina Göhring und der Pianist Ernst Seitz im Kräuterkasten sieben Jahre Melodisteln Revue passieren.

„Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“, stellt das Paar nach der Party melancholisch bis trotzig fest, sei es auch nur die Wahl der falschen Garderobe. Doch Martina Göhring kann nicht vergessen. „Hätt' ich anders wollen sollen?“, fragt sie, als die Suche nach einem Partner mal wieder erfolglos bleibt. Hätte sie statt Erdbeereis Pommes gegessen, hätte sie keine Allergie bekommen, hätte den Apotheker nicht getroffen, der sich als Fehlschlag erweist,den sich womöglich jetzt Freundin Moni angelt. Der Konjunktiv beherrscht das Schicksal, das immer wieder vehement mit den Klaviertasten an die Pforten pocht. Es geht doch um die Zukunft. Moni sucht die Handleserin auf. “Aber bitte, sagen Sie mir was Gutes“, doch düster untermalt Chopins Trauermarsch die Prognose, dass Moni eigentlich schon tot ist. Warum macht die Partnersuche solche Probleme? Frauen sind doch gar nicht schwierig. Aber die Suche dreht sich im Kreis, im Walzertakt wie auf einem Karusell, ach Udo, ach Wolfgang, ach Sascha. Keiner lässt sich in Besitz nehmen.

Temperamentvoll läuft das alles ab. Martina Göhring kann man sich mühelos auf großer Bühne vorstellen, wie sie singt, deklamiert und agiert. Ernst Seitz schlüpft mühelos und mit höchsten Tönen in die Rolle der besten Freundin Moni oder der Partner-kanditaten. Treffsicher setzt er dazu das Klavier ein. Zur Mondscheinsonate erklärt der Milbenforscher das Wesen der Grabmilbe, ein ausdrucksstarkes Adagio cantabile lässt den Reitlehrer noch ordinärer erscheinen, Schumanns Träumerei steht im Kontrast zum eiskalten Manager, Rossinis Figaro lässt das Glücksschwein triumphieren. Zu höchster Form laufen die Künstler auf, als sie Papageno im Internet auf Frauensuche schicken, wobei der dann anstelle von Tamino das bezaubernd schöne Bildnis anhimmeln darf. Doch es erscheinen Carmen, Mimi, gar die Hexe, aus „Pa Pa Pa“ wird Ca Ca Ca, Mi Mi Mi mit Gehuste, ein dämonisches Knusp, Knusp, Knusp, Papageno jammert wie Monostatos, die Königin der Nacht trägt eine blonde Perücke, Dramatik pur bis Papageno endlich per Hexenkuss seine Papagena findet. Das ist musikalisch, stimmlich, schauspielerisch wahrhaft große Oper.

Eigentlich passen Männer und Frauen nicht zusammen, wie wissenschaftlich bewiesen ist. Aber dennoch ist die Partnersuche ganz einfach, erklärt Martina Göhring, „Man muss nur aus all den Falschen den Richtigen heraussuchen.“ Das begeisterte Publikum im Kräuterkasten weiß, dass es zumindest an diesem Abend das richtige Programm herausgesucht hat.

Ute Büttner

 Blaus Wunder

Dein-Theater im Kräuterkasten

Am Freitag ließen Anja Meuschke und Stefan Österle vom Dein-Theater das Publikum den schwäbischen Mundartdichter Josef Eberle alias Sebastian Blau erleben, kombinierten dessen Texte mit Fakten aus seiner Biographie und passender Musik.

„…auf einmal war ich eben da..“, ein schwerfälliger Schwabe sitzt da, starrt die Leute an, räsoniert mit leicht grollender Stimme. Er „bruddlet“,  Rottenburger gegen Stuttgarter, leiser Neid schwingt mit. Schimpfen kann der Schwabe, besitzt einen unermesslichen Schatz an Schimpfwörtern für Männer und Frauen. Doch Stefan Österle zählt sie nicht einfach auf, er macht daraus ein Kunstwerk, verzögert, steigert sich, atmet tief, bevor er einen besonderen Treffer landet. Von wegen langsam, mit Zungenbrechern beweist er, wie schnell er ist, dieweil die Zuhörer lachend am „Klötzle Blei“ scheitern. Gegensätze sind schwäbisch, ein trauriger Anlass wird zum Spaß. So etwa, wenn zwischen Strophe eins und drei von „So nimm denn meine Hände“ Stefan Österle der Witwe eine hohe, leicht brüchige Stimme leiht und erzählt, wie ihr Ehemann beim ersten Biss ins knusprige Göckele starb, wohl versehen mit dem eben gesprochenen Tischgebet. „Euer Land trägt Edelstein“, der Schwabe ist stolz und das zu Recht. Gelehrt doziert Stefan Österle über „Dreierlei Schwäbisch“, wobei bei einem Fremdwort in der schwäbischen Hochsprache schon mal ein v zu einem harten f wird. Doch auch Selbstkritik schwingt mit. Was wäre aus Schiller geworden, wäre er im Ländle geblieben? Und ernst wird es, wenn Stefan Österle Texte zitiert, die Josef Eberle im KZ Heuberg schrieb. Es gibt auch den sanften Schwaben, der so rührend über seinen kleinen Hund erzählt, dass die Anwesenden das als Handpuppe agierende Tier einfach in Herz schließen müssen. Und wenn der verliebte Schwabe andächtig „Mei Schätzele“ beschreibt, summt manch einer mit „Mädle ruck, ruck, ruck..“

Ein richtig schönes Schauspiel machen Anja Meuschke und Stefan Österle nach der Pause aus der schwäbischen Liebesgeschichte in Briefen von Alois und Paula. Mit Schmollmund erfährt die „liebe“ Paula, dass Alois sie kontrolliert, vor lauter Heulen kann die „werte“ Paula fast nicht mehr weiterlesen, als Alois die Vaterschaft am kleinen Alois abstreitet. Stockend buchstabiert Alois, dass er die Wahl zwischen Zahlen und Hochzeit hat, braucht einen tiefen Schluck aus der Flasche, ehe er den Brief zerreißt. Dank des Priesters kommt es schließlich doch zur Heirat und die kleine Aloisia kann in einer richtigen Familie aufwachsen. Doch damit es dem schadenfrohen und lachenden Publikum nicht zu wohl wird, richtet der Gottesmann seine Predigt an diese christliche Gemeinde und liest ihr gehörig die Leviten.

Das tut allerdings dem Vergnügen keinen Abbruch. Blaus Wunder, die Gäste erlebten einen wunderbaren Abend.

Ute Büttner

Gnadenlos weltlich

Chor der Mönche im Kräuterkasten

Der Chor der Mönche mit Wolfgang Vogt, Michael Niethammer, Volker Siegle und Herbert Carl sorgte am Freitag im Kräuterkasten beim Publikum nicht so sehr für erbauliche Gefühle, dafür für dröhnende Lachsalven.

Dabei fängt alles so weihevoll an: Bei absoluter Stille schreiten vier Mönche mit brennenden Kerzen in den dunklen Saal, gregorianische Gesänge ertönen mit der salbungsvollen Aufforderung „Audite nunc“. Doch was die Gemeinde jetzt vernimmt, wird lebhafter. „Lasst uns froh und munter sein“ mahnt die Bassstimme, und froh und munter werden sie, werfen die Kutten ab, präsentieren sich in Frack und Zylinder, roter Fliege, roter Nelke im Knopfloch.

Jetzt sind sie Mönche ohne Zölibat und stellen das sicht-und hörbar unter Beweis. Sie himmeln alles an, was weiblich ist, selbst die Tuba erweckt in ihrem Besitzer mit ihren Kurven erotische Gefühle. Die röhrt geschmeichelt ein Volkslied. Sie finden im Publikum ihren Liebling und lassen ihre Herzen die Auserkorene grüßen, übertrumpfen sich gegenseitig mit ihren Liebesbeweisen oder erinnern sich einträchtig und rührselig an ihr kriminelles Mütterlein. Das ewig Weibliche - schon Rulaman machte sich mit Knochen in der Hand und unter dumpfen Trommelschlägen an seine Ula ran. Heute genügt eine Fahrt im Triebwagen, um Mann angesichts einer Nachbarin in fiebrige Erregung zu versetzen. Sie kennen sich in der Welt und in der Geschichte aus, wie die Komponisten einst das Improvisieren erfanden und die Chinesen den Jodler. Doch immer wieder bricht sich das Schwäbische als ihre Heimat Bahn. Sie singen ein Loblied auf den Most und klagen über das Problem, wie man per Eisenbahn via Neckar-X und Neckar-Y, Unter-X und Ober-X, X-ingen und Y-ingen zum Ziel gelangt, zerstören Fernostwellnessträume mit schwäbisch misstrauischen Realismus.

Ein Männerquartett, meistens a-capella und das perfekt. Der Klang wird getragen vom Bass und vom 1.Tenor, der immer wieder gar als Countertenor überstrahlt, die Mittelstimmen 2.Tenor und Bariton füllen nicht nur, sie runden das Klangbild ab. Sie werfen sich Töne und Worte zu wie Bälle, die sie geschickt auffangen und weiterleiten. Sie treten alle ganz individuell als Solisten hervor. Dann begleiten die anderen wie ein Orchester. Oft formieren sie sich aber auch wie ein Chor in der Oper, kommentieren den Einzelnen zustimmend, zweifelnd, abwehrend. Sie spielen, was sie singen, sie nähern sich bedrohlich schmachtend einer Dame im Publikum, sie stecken verschwörerisch die Köpfe zusammen, wenden sich empört voneinander ab, reißen erstaunt die Augen auf, starren beseelt in die Luft.

„Man singt nur mit dem Herzen gut“, diesen Refrain bringen sie dem Publikum bei. Bezogen auf den Chor heißt das, sie haben so richtig aus vollem Herzen, also so richtig gut gesungen, dass das begeisterte Publikum sie erst entlässt, als sie als letzte Zugabe nochmals zu Mönchen werden und ein Schlaflied anstimmen.

Ute Büttner    

 

 Pisa, Bach, Pythagoras

Dietrich „Piano“ Paul im Kräuterkasten

Anstelle des geplanten „Können Journalisten denken?“ bot Dietrich Paul am Freitag im Kräuterkasten eine leicht verkürzte Form eines früheren Programms „Pisa, Bach, Pythagoras“. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn dazu, denn seine Stimme erlaubt ihm derzeit kein langes, lautes Reden und vor allem kein Singen.

Nun, Pisa ist ja gerade wieder akut. Aber obwohl sich Deutschland in diesem Test erheblich verbessert hat, besteht für Dietrich Paul noch kein Grund zum Jubeln. Er misstraut dem Bildungswahn, der sich breit macht, der Bildungskanonen auf die Wissensollenden abfeuert. Die Ansprüche verflachen, Bach und Beethoven enden bei Bohlen, gediegene Quizmaster werden durch läppische Frageonkel ersetzt. Prozentrechnung und Rechtschreibung sind sogar für seriöse Zeitungen rätselhaft. Dafür sind die Leute  beeindruckt von Technik und glauben jeden Blödsinn, sofern er ihnen per Beamer vermittelt wird. Sogar die Astrologie darf sich heute ungestraft als Wissenschaft bezeichnen, bloß weil sie sich des Computers bedient. Aber Dietrich Paul vertraut noch auf das gesprochene Wort, mathematische Formeln und Fachausdrücke und er benützt als Medium den guten alten Overheadprojektor oder ein echtes Klavier.

So verbindet er seine Liebe zu Physik, Mathematik und Musik. Nicht von ungefähr, zählte doch im Mittelalter die Musik noch zu den exakten Wissenschaften wie Geometrie oder Algebra. Einstein und sein Geigenspiel sind bekannt. Aber schon Pythagoras hinterließ nicht nur das Wissen ums rechtwinklige Dreieck, mit dem man übrigens erklären kann, warum es im Sommer warm und im Winter kalt ist. Er war der erste, der mit Brüchen rechnete, mit jenen Brüchen, die einerseits Schülern Schwierigkeiten machen, die andererseits in der Musik genau definieren, was eine Oktav, eine Terz ist. Mit mathematischen Formeln lässt sich erklären, wie ein Kanon funktioniert, wie eine Sonate strukturiert ist. Aber Dietrich Paul erklärt nicht nur, er ändert Musikstücke um, indem er stilspezifische Transformationsoperatoren einsetzt. Da zeigt sich, warum er den Beinamen „Piano“ verdient. „Happy birthday“ erinnert jeden Klavierschüler an den 1. Satz von Mozarts C-dur Sonate, Beethoven grüßt Elise, Joplin schickt seinen Entertainer los und wenn Tristan seiner Isolde gratulieren will, ist das nicht nur ein Ohren-, sondern auch ein Augenschmaus, so schön und bedeutungsschwer schmachtet Piano Paul. Doch mit Musik und Mathematik kann man noch mehr verbinden. Wer hätte gedacht, dass Einigkeit und Recht und Freiheit, auferstanden aus Ruinen im Land der Bayern so prima harmonieren?

„Naturwissenschaften machen keinen Spaß, sie sind nur nützlich“ und „Kunst muss weh tun“ zitiert Dietrich Paul. Mit seinem Programm beweist er, dass das falsch ist. Das Publikum hat Spaß und keine Schmerzen und entlässt ihn erst nach einer Zugabe, die Adeline mit Dschingis Khan zusammenführt und schön pathetisch mit Tschaikowsky endet.

Ute Büttner

 

Petticoat&Pomade

Moni Francis und Buddy Olly im Kräuterkasten

 Am Freitag entführten Moni Francis und Buddy Olly, mit bürgerlichen Namen Monika Laine und Oliver Dobisch ihr Publikum im Kräuterkasten zurück in die 50er-und 60er Jahre.

Einer dieser kleinen Clubsessel steht auf der Bühne, dazu zwei riesige Radios, Holzgehäuse, große Knöpfe zum Drehen. Die Hintergrundsmusik liefert allerdings eine moderne Anlage. Aber die zwei, die jetzt kommen, passen zur Einrichtung, geblümtes Kleid mit weitem Rock, spitze Stöckelschuhe, lässiger grauer Anzug zu weißem Hemd. Und sie legen gleich los, harte, abgehackte, tiefe Töne und „Tequila“ antwortet es aus dem Raum. Sitzen hier doch ganz viele Fachleute, die diese Zeit erlebt haben. Ja, wir sind zurück in den 50er Jahren, einer Zeit, da die Jugend misstrauisch von den Älteren beäugt wird, findet die doch alles gut, was aus Amerika kommt, feiert im Keller, tanzt zu Schallplatten und nennt das Party. „Let’s have a party“ röhrt Buddy Olly und das Publikum stimmt ein. Und was für Texte das sind! Da ersäuft einer seinen Kummer, weil seine Mimi ohne Krimi nie ins Bett geht. Und während sich Buddy Olly wie Bill Ramsey singend beklagt, sitzt Moni ganz gemütlich im Sessel und liest. Das können die beiden gut, den Rahmen liefern, während der andere singt. Olly guckt ganz traurig, wenn Moni melancholisch wird, Moni tanzt bis zum Umfallen, wenn Olly Tempo zulegt. Erinnerungen werden lebendig, weil die beiden so gut die damaligen Interpreten imitieren. Schaut man weg, meint man Connie Francis zu hören, die den schönen fremden Mann anhimmelt, mit Tonfall und Blicken wandelt sich Olly, der gerade noch so fröhlich und lieb moderiert hat, mit „Ring of fire“ um in Johnny Cash. Sie passen sich dann auch in der Kleidung an, schwarzer, enger Rock, Leopardenmuster, Nietenhose und Lederjacke, Sonnenbrille. Sie ändern die Haltung, weg von diesem bemüht verführerischen, leicht verklemmten Gehabe zu den amerikanischen Vorblildern, zum gemeinsamen ausdrucksstarken Duett „Jackson“ 50er und 60er Jahre, neben eher braven Schlagern Rock ’n Roll, Boogie, Twist. „That’s alright Mama“ beruhigt Elvis Presley. Olly und Moni erzählen viel, über die Geschichte des Rock ‘n Roll, über wechselnde Interpreten wie bei „Always on my mind“. Dazwischen erheitern sie mit Anekdoten, nehmen eine alte Colawerbung als Zeichen für die Programmpause, ergänzen die Vorliebe für Sahnetorten mit „Ich will keine Schokolade“. Olly erheitert mit einer deutschen Übersetzung von „Fever“ und wenn Moni „Lucky lips are always kissing“ singt, merkt man, wie bieder doch damals „Rote Lippen soll man küssen“ mit Gus Backus klang.

Tanzen kann man im Kräuterkasten nicht. Aber aufstehen, die Arme recken, klatschen, mitsingen. Das Publikum ist begeistert, steigt bei „Shout“ voll ein. Zum Ende erinnert Olly mit „Sugar baby“ an Peter Kraus, singt Moni ganz engagiert „Unchained Melody“ und als die beiden schließlich versprechen „Wir wollen niemals auseinander gehen“, singen alle inbrünstig mit, denn gehen will eigentlich niemand.

 Ute Büttner